
Correspondance, 1995
Zwei kurze schwarze Striche sind mit Zeichenkohle auf ein großes weißes Blatt Papier gesetzt: im oberen linken Bereich horizontal, im unteren rechten vertikal. Man sieht den Ansatz und das leichtere Auslaufen. Man sieht nicht zwei Formen, sondern zwei ebenso bestimmte wie zarte Bewegungen. Die sehr knappen Verläufe verbinden sich mit der weißen, materiellen Oberfläche des Papiers und stehen in Spannung zu den Büttenrändern des Blattes. Gerade weil die Formen fast in Ruhe sind, weil sie fast punktuell sind, verbinden sie sich mit der Ruhe der gesamten Fläche – und setzen sie insgesamt in Bewegung. Der Titel dieser Zeichnung ist „Correspondance“; es geht also um eine Entsprechung oder um einen Dialog zwischen zwei Partnern. Zum einen entsteht ein solcher Dialog zwischen den kurzen Bewegungsspuren, zum anderen zwischen ihnen und der Leere des Blattes. Der koreanisch-japanische Künstler Lee Ufan hat sich immer wieder über seine Auffassung der Leere geäußert, die er mit dem japanischen Begriff „Yohaku“ bezeichnet. Sie bedeutet für ihn nicht das Leergelassene, den Gegensatz zur gemalten Form, sondern es handelt sich um eine Leere, deren Realität zu spüren ist. Er schreibt: “Wenn z.B. eine Trommel geschlagen wird, hallt der Ton im Raum der Umgebung wider. Den Raum, in dem dieser Widerhall stattfindet, die Trommel eingeschlossen, bezeichne ich als Leere.“ Diese Ausbreitung der Kräfte sieht man nicht nur, sondern man spürt sie in der gesamten Fläche und über sie hinaus. Es gibt von Lee Ufan Zeichnungen und auch Gemälde, die von einem einzigen Richtungsimpuls belebt werden. Wo sich aber, wie hier, zwei Richtungen begegnen, entsteht fast etwas Tänzerisches und Kontrastierendes – in der Durchdringung von unterschiedlichen Impulsen. Der koreanisch-japanische Künstler Lee Ufan ist nicht nur Maler und Zeichner, sondern ebenso Bildhauer. Auch hier, in seinen höchst konzentrierten Werken, die meist aus Stahlplatten und Steinfindlingen bestehen, sind weniger die plastischen Volumina wichtig als eher der leere Raum; er wird zu einem Energiefeld für optische und bewusst erfahrene Spannungen. EF Literatur: Lee Ufan. Marking Infinity [Ausst. Kat.]. Guggenheim Museum New York, New York 2011. Silke von Berswordt-Wallrabe: Begegnung mit dem Anderen. Erfahrungen von Konfrontation und Koexistenz im Werk von Lee Ufan, Göttingen 2007.
Erich Franz
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Stiftung "Sammlung 'Die Linie'"
Stiftung "Sammlung 'Die Linie'"
Maße
Höhe 91 cm Breite 63.3 cm
Material
Kohle, Papier Inventarnummer
KdZ 4963 LM Standort
Nicht ausgestellt