
Derick Baegert Anbetung des Kindes (ehemals Rückseite der Kreuzigung Christi), um 1480/1485
Die Anbetung des Kindes bildete ursprünglich mit der Darstellung der Kreuzigung (Inv.-Nr. 60 WKV) die Seiten eines Altarflügels, wobei die besser erhaltene Anbetung wohl innen angebracht war. In einem sich nach allen Seiten hin öffnenden Stall beten Maria, Josef, zwei Hirten und eine Hebamme gemeinsam mit der unbekannten Stifterfamilie das nackte Jesuskind an, das seine Ärmchen der Mutter entgegenstreckt. Wie üblich sind auch Ochse und Esel dargestellt, wobei sich Letzterer, sinnbildlich für die Ungläubigen stehend, von der Szene abwendet. Sechs Engel schweben unter dem Strohdach des Stalls und halten ein Brokattuch wie einen Baldachin über Maria. Über dem Dachbalken singt eine weitere Gruppe, die aus fünf Engeln besteht: »Gloria i(n) excelsis deo e(t) in terra pax«. Durch die Öffnungen des Gebäudes ist im Hintergrund eine hügelige Landschaft mit einer Stadt zu erkennen. Ganz links im Bildmittelgrund verkündet ein weiterer Engel die Geburt Christi einem Hirten, der erschrocken seinen Kopf und den rechten Arm nach oben reißt. Die »Anbetung des Kindes« ist kein biblisches Sujet im engeren Sinne, sondern entstand erst im Laufe des späten Mittelalters unter dem Einfluss des Mystik (zum Beispiel Johannes de Caulibus, Meditationes vitae christi) als Variation der »Geburt Christi«. Im 15. Jahrhundert war sie vor allem in der niederländischen Kunst weit verbreitet, von der Derick Baegert wesentliche Inspirationen für sein gesamtes OEuvre bezog. So finden sich die Hirten mit Dudelsack, die singenden Engel und die in prachtvolle Gewänder gekleidete Hebamme bereits in Robert Campins Geburt Christi in Dijon (Musèe des Beaux-Arts). Anders als dort und in Nachfolgewerken weiterer niederländischer Meister liegt der neugeborene Heiland aber weder auf dem blanken Boden noch auf einem Zipfel des Marienmantels. Stattdessen präsentieren zwei Engel den Knaben – ein ungewöhnliches Motiv – auf einem violetten Tuch wie in einer Wiege. Derick Baegert, der nach neuen Erkenntnissen vor 1440 geboren und mindestens bis 1509 gelebt hat, verwendet ein sehr reiches und farbintensives Kolorit und beweist besondere Bravour in der Darstellung von edlen, zeitgenössischen Stoffen. Er unterstreicht selbstbewusst sein künstlerisches Können mit einem altbekannten und von ihm mehrfach verwendeten Motiv, der trompe-l’oeil-Fliege (vgl. Text zu Derick Baegert, Lukas malt die Madonna, Inv. Nr. 62 WKV). Diese sitzt unübersehbar auf der Schmalseite des Futtertrogs und verrät die Intention als künstlerischen Virtuositätsbeweis schon allein durch ihre schiere Größe. HA Literatur: Martin Wilhelm Roelen: Ein Maler zwischen Niederrhein und Westfalen. Neue Erkenntnisse zur Biografie Derick Baegerts. In: Marx, Petra (Hg.): Westfalen 85./86. Münster 2007/08. S. 301–322. Annemarie Stauffer: Prachtvoll und bedeutungsreich. Seidengewebe in der Tafelmalerei am Beispiel des Landesmuseums in Münster. In: Marx, Petra (Hg.): Westfalen 85./86. Münster 2007/08. S. 243–262, bes. S. 258–260. Géza Jászai (Hg.): Imagination des Unsichtbaren. 1200 Jahre Bildende Kunst im Bistum Münster, Ausstellung Westf. Landesmuseum Münster 13.6.1993–31.10.1993, S. 436/437 (U. Wolff ). Paul Pieper: Die deutschen, niederländischen und italienischen Tafelbilder bis um 1530, Bestandskataloge des Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster 1990, S. 338–345 (mit älterer Literatur). Hermann Arnhold, Anbetung des Kindes, um 1475/80, in: Einblicke – Ausblicke. Spitzenwerke im neuen LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, hrsg. v. Hermann Arnold, im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Wienand Verlag, Köln 2014S. 82f.
Arnhold 2014
Leihgabe des Westfälischen Kunstvereins
Maße
Höhe 116.8 cm Breite 94.3 cm
Material
Öl, Eichenholz Inventarnummer
58 WKV Standort
Raum 1.11 


