
Wilhelm Morgner Geißelung, 1912
Fast glaubt man, die heftigen Schläge der Peitschen zu spüren und ihr Zischen und Knallen zu hören, in Morgners Gemälde „Die Geißelung“ aus dem Jahr 1912. In einer stark vereinfachten Form, nur von einer dunklen Konturlinie umfasst, ohne weitere individuelle Binnenzeichnung, stellt Morgner einen leidenden Menschen in das Zentrum seines Bildes. Dessen braun-rote Tonigkeit steht in einem deutlichen Kontrast zu der kalten, blaugrünen Farbigkeit der beiden Peiniger, die rechts und links der Mittelfigur anordnet sind. Ihre Körperformen definiert Morgner mit sicherem und fließendem Pinselstrich, die raumgreifenden, ausholenden Bewegungen münden im peitschenden Schwung der Geißeln. Die Dynamik des Schlagens verstärkt Morgner noch durch die Gestaltung des Hintergrundes. Bogenförmig umfahren deutlich voneinander abgesetzte Pinselstriche das Zentralmotiv und scheinen sich wellenartig über den Bildrand hinweg fortzusetzen. Nicht nur Morgners Streben nach Formvereinfachung und autonomer Farbigkeit als künstlerisches Ausdruckmittel erreicht in diesem Werk eine neue Qualität; das biblische Thema der Geißelung gibt auch Auskunft über sein künstlerisches Selbstverständnis. Obwohl der Soester Künstler jede Gottesvorstellung ablehnt und sich als ungläubig bezeichnet, entstehen ab 1912 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken zum Leidensweg und Tod Jesu Christi am Kreuz. Dem vorausgegangen ist eine intensive Auseinandersetzung mit der Bibel und den philosophischen Schriften Nietzsches. Sowohl mit seiner unangepassten Lebensweise als auch mit seinen ungewohnten Bildthemen und künstlerischen Ausdrucksformen stößt Wilhelm Morgner in seiner Umgebung auf Unverständnis, Spott und Ablehnung. In der Passion Jesu Christi sieht er dabei durchaus Parallelen zu seinem persönlichen Leidensweg auf dem Weg zu einer neuen Kunst. Ursula Lütkemeyer Literatur: Ernst-Gerhard Güse: Wilhelm Morgner (Bildhefte des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, Nr. 20), Münster 1983. Andrea Witte: Wilhelm Morgner 1891-1917. Graphik [Ausst.-Kat. Wilhelm-Morgner-Haus Soest 1991], Soest 1991. Hermann Arnhold: Wilhelm Morgner und die Moderne [Ausst.-Kat. LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster 2015], Köln 2015.
Dieses Werk ist ausgestellt in der Westfälischen Galerie Kloster Bentlage, Rheine.
- 1974 erworben aus dem Nachlass des Künstlers/Maria Korff-Morgner, Soest



