Astrale Komposition V, 1912
Zum Jahreswechsel 1911/12 hält Wilhelm Morgner sich in Berlin auf und lernt dort mit Franz Marc und Wassily Kandinsky die innovativsten Köpfe des Blauen Reiters kennen. Kandinskys kunsttheoretische Überlegungen zur Entwicklung der abstrakten Kunst, die er 1911 in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ darlegt, bestätigen Wilhelm Morgner in seiner eigenen künstlerischen Zielsetzung. Als Folge werden seine Arbeiten der Jahre 1912/13 zunehmend farbintensiver und gegenstandsloser. Das nach oben gerichtete Dreieck, das sich auch bei Kandinsky findet, wird für Morgner in dieser Zeit zu einem zentralen Bildthema. In der „Astralen Komposition V“ von 1912 setzt er eine sich öffnende Pyramidalform in das Zentrum des Bildes. Dabei schmiegt sich eine geschwungene Form aus kontrastierenden blauen und roten Farbbahnen in die sich mantelförmig öffnende Dreiecksform, die aus diagonal angelegten Farbstreifen in hellen Rosa- und warmen Rot- und Orangeabstufungen besteht. Bogen- und Kreisformen, die aus sorgfältig gesetzten, kurzen Pinselstrichen in kräftigen Farben bestehen, umgeben das zentrale Motiv. Bereits in der italienischen Renaissance ordneten die Künstler oftmals ihre religiösen Bildmotive in einer Dreieckskomposition an. Die mit dieser Form verbundene Klarheit, Harmonie und Ruhe erschien als das ideale Symbol der göttlichen Trinität und verdeutlichte damit die religiös-spirituellen Bildaussagen bereits im konstruktiven Bildaufbau. Wilhelm Morgner, der sich selbst als nichtgläubig bezeichnet, enthebt in seinen Gemälden der Jahre 1912/13 die Dreiecksform dieser dienenden Funktion und befreit die Farbe von ihrer Aufgabe der Gegenstandskolorierung. Mit diesen emanzipierten Formen und Farben macht Morgner sich auf den Weg, das eigentliche Wesen der Kunst, das „Geistige in der Kunst“ entsprechend seinem künstlerischen Ziel „Ich will mein Ich in Form und Farbe kleiden“ (Witte 2015), auszudrücken.
Dieses Werk ist ausgestellt in der Westfälischen Galerie Kloster Bentlage, Rheine.
Klaus Bußmann (Hg): Wilhelm Morgner 1891-1917 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik [Ausst.-Kat. Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster 1991 / Wilhelm-Morgner-Haus Soest 1991 / Städtische Galerie im Lenbachhaus München 1991-1992], Münster 1991.
Andrea Witte: „Was gehen mich alle möglichen Maler an …“ Wilhelm Morgner im Kontext der Moderne. In: Hermann Arnhold (Hg): Wilhelm Morgner und die Moderne. [Ausst.-Kat. LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster 2015-2016], Münster 2015. S. 42.
- 1959 erworben aus dem Nachlass des Künstlers/Maria Korff-Morgner, Soest