
Carl Blechen Romantische Landschaft mit Ruine, um 1820 – 1824
Carl Blechen war einer der talentiertesten Künstler des 19. Jahrhunderts, der mit seiner Sensibilität und seinem unkonventionellen Blick auf die Dinge vieles an späteren künstlerischen Entwicklungen bereits vorwegnahm. »Er war Menzel vor Menzel«, wie Theodor Fontane die wegweisende Kunst des Malers umriss. Blechen verband in seinem Werk die Stimmung und Motivwelt der Romantik mit einem spontan gehandhabten Kolorit, das in seiner Freiheit in der deutschen Kunst der Zeit singulär blieb. Entscheidend hierfür waren ein Aufenthalt in Dresden im Jahr 1823 und der Kontakt zu Caspar David Friedrich und Christian Clausen Dahl, die beide mit ihrer Natursicht eine neue Landschaftsmalerei zu Beginn des Jahrhunderts begründet hatten. In ihr gingen die spirituell aufgeladenen Naturräume C. D. Friedrichs und der Dahl’sche Realismus eine Verbindung ein. Unser Bild führt in die Jahre, als Blechen in Berlin als Theatermaler tätig war. Vordergründig ist die Szene in Mozarts Oper Don Giovanni beheimatet und zeigt Donna Anna im Kampf mit Don Giovanni vor der Kulisse seines Schlosses. Die gespenstischen Tiere im Bildvordergrund – sie symbolisieren zugleich Weisheit und Tod – verkörpern das Verderben, dem Don Giovanni entgegengeht. Der Betrachter findet sich im düster verschatteten Raum einer Ruine, aus deren Höhlendunkel sich der Blick in einen blau-dämmrigen Abendhimmel öffnet. Vor diesem hebt sich das Schloss als vielzinnige Silhouette ab – dorthin, in die Helligkeit und die Geborgenheit schützender Mauern, wünscht sich jeder, der Blechens Bild »betritt«. In seiner Komposition geht der Maler über die effektvoll-narrative Verarbeitung des Opernstoffes hinaus und nimmt eine symbolische Ausdeutung auf, die in existenziellen menschlichen Fragen mündet. Es ist das Motiv des Lebensweges, das in der Malerei der Romantik häufig aufgegriffen wird und meist als Pfad in einer unwirtlichen Natur hin zum Licht und zu einer Erlösung verheißenden Weite führt. Einsamkeit, Lebenszweifel und das Ausgeliefertsein an dunkle Kräfte mögen auch schon das Grundgefühl des jungen Malers bestimmt haben, der bereits mit 42 Jahren in geistiger Umnachtung verstarb. Vorher sollte ihm noch einmal eine Lebenswende gelingen. Unter dem Eindruck einer Italienreise (1828/29) erhob er Licht und Farbe zu Bildkonstituenten und wurde zum Wegbereiter der deutschen Freilichtmalerei.
Angelika Lorenz
Krämer, Felix (Hg.): Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst [Ausst.-Kat. Städel Museum, Frankfurt a. M. 2012], Frankfurt/Ostfildern 2012.
Schuster, Peter-Klaus (Hg.): Carl Blechen. Zwischen Romantik und Realismus [Ausst.-Kat. Neue Nationalgalerie, Berlin 1990], München 1990.
Neidhardt, Hans Joachim: Karl Blechen, Dresden 1983.
Erworben mit Unterstützung der Kunststiftung NRW, der Kulturstiftung der Länder und der NRW-Bank Münster
- 2010 erworben von der Erbengemeinschaft Julius Freund, Toronto & Montreal
- Pauline Gräfin von Lüttichau (1806–1900) erwarb das Gemälde wohl zum Zeitpunkt dessen Fertigstellung direkt vom Künstler und vererbte es an General Wolf-Dietrich von Amstetter (1848–1917). Zu einem unbekannten Zeitpunkt, vermutlich vor 1914, gelangte das Bild in die umfangreiche Kunstsammlung des Textilfabrikanten Julius Freund (1869-1941). Freund, der als Jude durch das nationalsozialistische Regime verfolgt wurde, brachte seine Werke bereits Ende 1933 in die Schweiz, um sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Zusammen mit seiner Ehefrau Clara emigrierte er 1939 nach London. Inzwischen hatte das Ehepaar sein gesamtes Vermögen verfolgungsbedingt verloren. Aus diesem Grund sah sich Clara Freund nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1941 gezwungen, ihre Sammlung 1942 bei der Galerie Fischer in Luzern versteigern zu lassen. Das Gemälde wurde dort vom Sonderbeauftragten Adolf Hitlers, Hans Posse, für den Aufbau des sogenannten „Führermuseums“ in Linz erworben. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stellten die Alliierten das Gemälde in Linz sicher. Weil es zunächst nicht den rechtmäßigen Eigentümern zugeordnet werden konnte, ging es in den Kunstbestand der Bundesrepublik Deutschland (BRD) über. Seit 1968 befand es sich als Leihgabe des Bundes im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster. Einer Empfehlung der Beratenden Kommission folgend, restituierte die BRD das Werk 2005 an die Erbengemeinschaft nach Julius Freund. 2010 kam es zum Rückkauf des Gemäldes von der Erbengemeinschaft für das Museum.
Maße
Höhe 96 cm Breite 72.5 cm
Material
Öl, Leinwand Inventarnummer
1225 LM Standort
Raum 1.30 Kunstwerk des Monats
KdM_05_2009.pdf