
Günter Fruhtrunk Cantus Firmus III, 1965
Der Begriff »Cantus firmus« bezeichnet in der Musik eine feststehende Melodie, die von anderen Stimmen umspielt wird, ohne sich selbst zu verändern. Im Werk von Günter Fruhtrunk sehen wir eine visuelle Entsprechung dieser Idee: Zwischen schmalen Bahnen am oberen und unteren Bildrand verläuft eine fast gleichmäßige Reihe von Vertikalstreifen. Die Streifen sind mal breiter, mal schmaler, mal hell oder dunkel und bilden so einen eigenen visuellen Rhythmus. Dies sind typische Merkmale in Fruhtrunks Werk: verschiedenfarbige Balkenanordnungen, die flächig und einfarbig auf die Leinwand aufgetragen sind, sodass eine individuelle Handschrift nicht zu erkennen ist. Die Farben zeigen starke Kontraste, das Bild ist klar durch die Horizontalen und Vertikalen strukturiert. Gleichzeitig bleibt es damit in der Fläche und bietet keinerlei Tiefenillusion, stattdessen könnte der Rhythmus der Farben und Formen weit über den Rand der Leinwand endlos fortgesetzt werden. Günter Fruhtrunk zählt zu den bedeutendsten Künstlern der deutschen konkret-konstruktiven Kunst der Nachkriegszeit. Als Freiwilliger im Zweiten Weltkrieg wurde er schwer verletzt und litt zeit seines Lebens an starken Schmerzen, die ihn 1982 in den Freitod trieben. Seine Kunst bildet eine Brücke zwischen den strengen geometrisch-abstrakten Arbeiten der Zeit und den wahrnehmungspsychologischen Ansätzen der Op-Art. Der Prozess des Sehens, der durch das Abtasten der Bildoberfläche mit den Augen entsteht, bildet den Mittelpunkt seiner Arbeit. Dabei trifft dieser Ansatz auf eine unbedingte Sachlichkeit in der Ausführung, die Fruhtrunk als notwendig erachtete, um die Farbe von der seiner Meinung nach durch Gestik beschwerten Materialität zu befreien. Jegliche kulturelle oder individuelle Bedeutung soll vor dem Eigenwert der Farbe zurückstehen. Durch die »Befreiung der Farbe« wird sie zu »rhythmisierter Lichtenergie«, die der Betrachter mit Hilfe des Sehprozesses freisetzt. MB Literatur: Wendt, Karin: Günter Fruhtrunk. Monographie und Werkverzeichnis; Möglichkeiten und Grenzen des konkreten Bildes. Schriften zur bildenden Kunst, 10. Frankfurt a. M. [u. a.] 2001. Schuster, Peter-Klaus (Hg.): Günter Fruhtrunk [zur Retrospektive »Günter Fruhtrunk«, Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 5. Februar bis 14. März 1993; Westfälisches Landesmuseum Münster, 28. März bis 9. Mai 1993; Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Staatsgalerie Moderner Kunst München, 14. Juli bis 5. September 1993] [Ausst. Kat.]. München 1993.
Einblicke – Ausblicke. Spitzenwerke im neuen LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, hrsg. v. Hermann Arnhold, im Auftrag des Landschaftverband Westfalen-Lippe, Wienand Verlag, Köln 2014
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