
Heinrich Maria Davringhausen Der Irre, 1916
Die Arbeit „Der Irre“ entstand im Winter 1916 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und den ungemein verlustreichen Schlachten und Grabenkämpfen in Verdun und an der Somme. Heinrich Davringhausen, aufgrund eingeschränkter Sehfähigkeit vom Kriegsdienst befreit, vollzog in dieser Zeit nicht nur eine Veränderung im Denken, sondern auch in der künstlerischen Ausdrucksform. „Der Irre“ markiert den Wendepunkt vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit, denn die Utopien der Expressionisten waren durch die brutale Realität des Krieges zerstört worden. Den Hintergrund des Bildes bildet ein an eine gotische Kathedrale erinnerndes Bauwerk, womit der Künstler eindeutigen Bezug auf Robert Delaunays (1885–1941) „Saint-Séverin“-Serie nimmt. In diesem gotischen Innenraum steht ein Mann im weißen Anzug, den Kopf eigentümlich verdreht. Umgeben wird die Figur mit Heiligennimbus von zahlreichen Verweisen auf den Krieg. Unterhalb der nach links ausgestreckten Hände bekämpfen sich ein deutscher und ein französischer Soldat mit einem Dolch, während zu den Füßen der Hauptfigur eine marschierende Gruppe aus Soldaten und Zylinder tragenden Männern hervortritt. Darüber schweben wie in zwei Luftblasen ein Dorf und eine Kirche.
„Der Irre“ enthält sowohl Elemente des Kubismus wie des Expressionismus und mischt sich mit solchen, die bereits wenig später als Kennzeichen für die Neue Sachlichkeit betrachtet werden, wie etwa die Art des glättenden Farbauftrags, welcher die „Handschrift“ des Künstlers möglichst negiert.
Das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte erwarb das Werk „Der Irre“ 1960 aus dem Kunsthandel.
LWL-Museum für Kunst und Kultur (Hg.): Die Gemälde der Moderne 1900 bis 1960. Die Sammlungen des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster [Best.-Kat. LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster 2023], Petersberg 2023, S. 111f.
- […] spät. 1959–1961 Eberhard Giese, Kunst und Antiquitäten, Köln
- seit 1961 LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, erworben von Eberhard Giese, Kunst und Antiquitäten, Köln