Bildnissilhouette Benjamin Wilhelm David Schulze (1715-1790), o.J. (um 1783/84)
Silhouetten waren eine Mode, die sich seit etwa 1765 in Europa verbreitet hatte: der französische Finanzminister Étienne de Silhouette (1709–1767) hatte sein Schloss aus Sparsamkeit nicht mit Gemälden, sondern mit Schattenrissen dekoriert; sein Name übertrug sich auf die Gattung. Der Schattenriss wurde durch Hinterleuchten des Kopfes auf ein Blatt Papier aufgezeichnet und die Umrisslinie durch einen Storchenschnabel auf handliches Format verkleinert, dann ausgeschnitten oder mit Tusche schwarz ausgemalt. Der im Verhältnis zur Zeichnung, zum Gemälde und zum Bildnisstich geringe Aufwand und Preis verhalf dem Medium, das so ein Vorläufer der Fotografie wurde, zu großem Erfolg. Außerdem galt die Silhouette seit dem vierbändigen Werk von Johann Caspar Lavater, "Physiognomische Fragmente" (4 Bände, 1775–1778) als objektives Porträt, das auch über den Charakter Auskunft gebe. Zugleich wertete die literarische Bewegung der "Empfindsamkeit" Gefühle wie Liebe und Freundschaft auf und machte die Silhouette zum Beleg inniger Freundschaft. Besonders beliebt wurden Schattenrisse an den Universitäten, wo sie Stammbücher illustrierten, um Freundschaften zu dokumentieren. Das Blatt stammt aus dem zweiten Teil einer Folge Berliner Gelehrter, die der Verleger Johann Friedrich Gottlieb Unger um 1783/84 herausgab und aus der in dieser Sammlung vierzehn Blatt (von 18) vorhanden sind. Die Identifikation des Gelehrten ist nicht ganz sicher. Sehr wahrscheinlich handelt es sich jedoch um einen Lehrer des Joachimsthaler Gymnasiums: Schulze studierte nach dem Schulbesuch in Crossen und Berlin ab 1733 in Frankfurt (Oder), ab 1735 in Halle (Saale), kehrte 1736 nach Berlin zurück und wurde dort 1737 Inspektor des Joachimsthaler Gymnasiums. 1739 erhielt er auch die Aufsicht über das theologische Seminar dieser Schule. Seit 1744 ordentlicher Lehrer, wurde er 1767 zum Ordinarius für Philologie ernannt. Er veröffentlichte auch Bücher über die Kritik der hebräischen Bibel. GD Literatur: Weiß, Ulrike: "treuer Schatten des Freundes". Die Porträt-Silhouette der Wertherzeit, in: dies. u.a. (Hg.), Goethes Lotte. Ein Frauenleben um 1800, Ausst.Kat. Wetzlar/Weimar/Hannover 2003, S. 140-157. Meusel, Johann Georg: Lexikon der vom Jahr 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller Bd. 12, Leipzig 1812, S. 532-533.
Dethlefs, Gerd
Porträtarchiv Diepenbroick
Maße
18.5 13.4
Material
Inventarnummer
C-3877 PAD Standort
Nicht ausgestellt Kunstwerk des Monats
http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd18/content/titleinfo/8008012