
Sigmar Polke Hüter der Schwelle, 2003
Für das Gesamtwerk des 2010 verstorbenen Sigmar Polke sind Neugier und Experiment von herausragender Bedeutung: zeitlebens hantierte er oftmals mit gefährlichen Materialien, Chemikalien und Malmitteln, um neue Farbigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten zu erschließen. Dabei ging mit der riskanten Experimentierfreude auch immer ein Moment der Ironie einher, das bereits früh in seiner künstlerischen Arbeit aufscheint: zusammen mit seinen Kommilitonen an der Düsseldorfer Kunstakademie, Gerhard Richter und Konrad Lueg, später Fischer, vollzog er 1963 die Aktion „Leben mit Pop – Eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus“, ein Schlüsselereignis der deutschen Nachkriegskunst und eine ironische Abrechnung sowohl mit der künstlerischen Leitlinie der DDR als auch dem unreflektierten Konsumstreben in der Bundesrepublik. Auch im großformatigen „Hüter der Schwelle“ aus dem Jahr 2003 vereinen sich Polkes Humor und Experimentierfreude: Zwei nackte Männer werden von einer ebenfalls nackten Frau mit einer Heugabel gejagt. Das einem Nudistenmagazin entnommene Fotomotiv ist, genau wie die floralen Muster, in den transparenten Polyesterstoff der Leinwand eingewoben und lässt an eine augenzwinkernde Reinszenierung der biblischen Vertreibung aus dem Paradies denken. Gleichzeitig gibt die transparent schillernde Stoffoberfläche aber auch den Blick auf die darunterliegende Rahmenstruktur frei. So erhält das Bild eine beinahe flüchtige Leichtigkeit, die den Blick der Betrachter*innen zwischen Bildträger und Bildmotiv hin- und herspringen lässt. So stellt sich im Zusammenspiel mit dem Titel „Hüter der Schwelle“ die Frage, welche Schwelle der Künstler hier eigentlich hütet: Vielleicht jene zwischen Material und Kunstwerk oder Schein und Sein? Sigmar Polke hätte vermutlich keine Antwort gegeben und lediglich schelmisch gegrinst.
Leihgabe der NRW.BANK
