Ganzfigurbildnis Martin Luther (1483-1546) in Studierstube mit Schwan, um 1650 – 1700
Martin Luther steht in seiner Studierstube, im Talar des Predigers, in seinen Händen ein Buch, in dem er gerade gelesen hat. Im Hintergrund stehen Bücher im Regal, darunter ein offener Bibelfoliant. Der Schreibtisch mit Tintenfässern und Federn und schräger Schreibfläche mit dem offenen Buch zeigt, dass der Gelehrte gerade an einem Buch schreibt. Das Bild des Gelehrten in seiner Stube mit den Butzenscheibenfenstern knüpft an den mittelalterlichen Darstellungstypus des „Hieronymus im Gehäus“ an – Hieronymus war einer der vier altchristlichen „Kirchenväter“. In der Sicht seiner Anhänger ist Luther der neue Kirchenvater. Der Bibelfoliant stilisiert Luther zum Fels der evangelischen Konfession, ja sogar zum Hort der Orthodoxie. Das Bildnis lässt sich in eine Darstellungstradition des 17. Jahrhunderts einordnen, bei der Luther als Figur der Heilsgeschichte gezeigt wird. Das Bild soll dem Betrachter Zuversicht vermitteln, den rechten Glauben zu haben. Der Schwan wird seit 1601 als Attribut in diesen Darstellungstyp integriert und weist den Reformator als Propheten Christi aus. Schon zu Luthers Zeiten war die Geschichte bekannt, die ihn als Nachfolger des böhmischen Reformators Jan Hus identifizierte: Hus, der 1415 auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verbrannt wurde, soll vor seiner Hinrichtung gesagt haben: „Ihr verbrennt nun eine Gans (tschechisch Gans = Hus), doch in 100 Jahren wird ein Schwan erscheinen, den ihr nicht braten könnt“. Damit wurde Luthers Wirken als Kirchenkritiker legitimiert. Siola Koesen / GD Literatur Bogs, Holger / Stüber, Gabriele (Hg.): Lutherbilder aus sechs Jahrhunderten, Ubstadt-Weiher u. a. 2016, S. 28 f.
Porträtarchiv Diepenbroick