Claus Carlfriedrich
Biografie
Biogramm: Vermittlung humanist. Bildung durch das anti-nationalsozialist. Elternhaus, bes. wichtig sind die geistigen Anregungen durch die Mutter und deren kunstorientierte Buchhandlung (Lektüre: "Kabbala" sowie "Lohnarbeit und Kapital" von Karl Marx); erstes Kennenlernen von Werken damals in Deutschland verfemter Künstler wie Kandinsky, Klee, Picasso, Lissitzky. Ab 1943/44 unter dem Einfluß der anthroposoph. Schr. von R.Steiner, seit 1948 Beschäftigung mit der dt. und jüd. Mystik (Einfluß von Jakob Böhme, 1575-1624) sowie mit dem durch das Völkerkunde-Mus. Leipzig vermittelten Schamanismus. C erlernt versch. Sprachen (u.a. Hebräisch, Chinesisch); Stud. der Schr. des Paracelsus, des Denkens von Spinoza sowie der altchines. Phil.; unter dem Einfluß von Ernst Bloch Bekenntnis zum Marxismus idealkommunist. Prägung. 1950/51 Bekanntschaft mit dem Kunsthistoriker Will Grohmann in Westberlin, der sein künstler., poet. und zeichner. Schaffen unterstützt. 1953/54 Theaterrezensionen, Briefkontakt mit Hans Arp. 1969 Tod der Mutter. 1977-82 zus. mit Michael Morgner, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Gregor Torsten Schade/Kozik Mitgl. der nonkonformist. Adelsberger Produzenten-Gal. und Künstlergruppe "Clara Mosch" ("Cla" von Claus im Anagramm der Gruppe "Clara Mosch") in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). Einleitung eines sog. operativen Vorgangs des Min. für Staatssicherheit der DDR gegen C. unter dem Tarnnamen "Eremit". Ein kameradschaftl. Lehrer-Schüler-Verhältnis verbindet C. mit Klaus Sobolewski (*1962). 1989 zus. mit C. H. Westenburger Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau, 1991 Graphikpreis der Griffelkunst-Vrg Hamburg (zus. mit Michael Morgner); Mitgl. der AK Berlin-West, 1992 Jörg-Ratgeb-Preis; Graf-Kessler-Preis des Dt. Künstlerbundes; Ehren-Prof. des Freistaates Sachsen, 1993 Umzug von Annaberg nach Chemnitz, Kunstpreis der Norddt. Landesbank, 1994 Ehrenbürger der Stadt Annaberg-Buchholz, 1997 Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. - 1944/45 erste bildkünstler. Phase: abstrakte Aqu. in der Polarität von psych. Selbstausdruck und realen Seherlebnissen. Seit 1948 Versuche mit experimenteller Poesie und Sprachklanggebilden; 1957 zweiter Durchbruch zum Bildnerischen: abstrakt-rhythm. Zchngn psych. Spontaneität als "Automat. Tagebuch". 1958 nähern sich die freien Rhythmen unter Einbeziehung von Buchstaben und Assoziationswörtern dem Schriftduktus an, der sich in der Folge zu Spiralkernen ("Lichen") zusammenschließt, 1958/59 'Letternfelder' und 'Phasenmodelle' mit Schreibmaschine. 1960/61 eigengesetzliche Vernetzung und Vereinzelungen von Schreibakten als Gleichnisse psychophysisch verarbeiteter Weltsichten in Form von blattfüllenden Textfeldern sowie blatt-sprengenden Entfaltungen und sich verschlingenden Strängen, 1961 Entdeckung der neuen graph.-inhaltl. Dimension transparenter Doppelseitigkeit. 1962 Entwicklung der 'Denklandschaften' als Topografien dialekt. Zusammenhänge zw. hist. gesellschaftl. Bewegungen (Thomas Müntzer), phil. Auffassungen (Paracelsus) und deren individueller Verarbeitung als Zukunftsentwürfe. 1963 Entstehung des zeichner. Hw. 'Geschichts-phil. Kombinat', das (mit 20 Sprachblättern) das Prinzip transparenter Doppelseitigkeit durch Überlagerungen ins Räumliche führt und damit polit.-ökonom. und geistig-phil. Entwicklungslinien der Gesch. und ihrer Zukunftstendenzen in ihrer Komplexität visuell erlebbar zu machen sucht. 1964-68 Entwicklung eines heftigeren Duktus und einer geballteren Formensprache, mit denen Willens-, Trieb- und (polit. bedingte, z.B. Vietnam-Krieg u.a.) Aggressivitätspotentiale sichtbar gemacht werden. Auftreten des fließenden und schwebend-submarinen Wassermotivs als Entsprechung für Vergehen des Lebens, für strömende Meditationsstufen und die Sphäre des Unbewußten. 1968 erste Steindrucke in Zusammenarbeit mit dem Maler und Graphiker Max Uhlig in dessen Dresdener Druckwerkstatt, 1970 Einsetzen einer Phase düster überschatteter Bll. als Spiegelung der Schwere und Langwierigkeit polit. Kämpfe in Gesch. und Gegenwart. Ab 1973 entstehen Zchngn von blattüberflutender dunkler Atmosphäre, ein Versuch, in die Bereiche der Bewußtseinstätigkeit im Schlaf sowie des Vergessens und Erinnerns vorzudringen. 1974 Erschließung der Rad.-Techniken in Zusammenarbeit mit dem Graphiker Thomas Ranft. 1977 Herausgabe der 'Aurora'-Mappe durch Rudolf Mayer im Verlag der Kunst Dresden, deren Bild- und Textblätter bildhafte Parallelexperimente zur realisierbar erscheinenden Menschheitsutopie einer nichtantagonist. Einheit von Ges.-Individuum-Natur sein wollen. 1982 Überzeichnungen von druckgraph. Bll. in einer Art psych. Karate-Technik mit blitzartigen Zeichenspur-Entladungen als Ausdruck und Gleichnis für Durchbrechung von Blockaden in individuellen wie gesellschaftl. Entwicklungen. 1986-88, seit 1982 sich vorbereitend, entstehen die Kara-te-Basiszeichnungen für das zweite druckgraph. Hw. 'Aggregat K' mit einer durch Konzentrations- und Meditationskraft hervorgebrachten Formensprache, als sublimer Ausdruck subjektiver Durchdringung von geistesgeschichtl. und realgeschichtl. Entwicklungsprozessen auf der Erkenntnis des Verschmolzenseins des Individuellen mit dem Kollektiven, des Menschen mit der belebten und unbelebten Natur, den Stadien des Lebens mit denen des Todes in einem Allbewußtsein. A. der 90er Jahre entstehen mit der verstärkten öff. Nachfrage raumbestimmende mehrschichtige Folien-Acryl-Objekte. 1998 erste architekturbezogene Arbeit für den Sitz des Dt. Bundestages im Reichstagsgebäude in Berlin. - C. gehört zu den wenigen Künstlern, die in der 2. H. des 20. Jh. abseits versch. Strömungen der Moderne durch konzentrative und meditative Exerzitien in bisher unbek. psychograph. Direktheit die subjektive Realität zum Bildgegenstand erheben. Mit den hist. und zeitgen. Phil., Relig. und hermet. Psychotechniken vertraut, weist er mit seinen Sprachblättern zugleich antizipator. auf bisher weitgehend unbek. und unerreichte Sphären gesellschaftl. Entwicklung im Sinne einer all-umfassenden Humanitas hin.
Kunstrichtungen
Steckbrief
Zeichner, Schriftsteller
04.08.1930 (Annaberg-Buchholz)
