Stefano della Bella
Biografie
Biogramm: Sohn des Giambologna-Schülers Francesco di Girolamo und Patenkind Pietro di Jacopo Taccas, des bedeutendsten Mitarbeiters der Werkstatt Giambolognas. Auch seine Brüder waren Künstler: Giovanni Piero Bildhauer, Girolamo Maler und Ludovico Goldschmied. 1620 kam B. in die Werkstatt des Goldschmieds Giovanni Battista Fossi. Kurze Zeit darauf wechselte er in das Atelier des Ziselierers und Medailleurs Gasparo Mola. Nach Baldinucci, dem wichtigsten Biographen B.s, zeichnete er 1623 bei dem Goldschmied Orazio Vanni nach sog. 'boti.' Jombert übersetzte den Begriff mit 'boîtes' (Dosen), de Vesme hingegen mit 'voti', der veralteten Form für Exvoto. Bei Vanni soll B. erstmalig Stiche Jacques Callots kopiert haben. Auch wenn er Callot, der bereits 1621 Florenz verließ, nie persönl. begegnete, wuchs er im gleichen künstler. Milieu auf, als dessen treibende Kraft Giulio Parigi, Bühnenarchitekt und Theaterintendant der Medici, gilt. Remigio Cantagallina, Schüler Parigis und Lehrer Callots, soll B. in seinen Anfängen geholfen und an Cesare Dandini vermittelt haben. Bei Dandini versuchte er sich ab 1625 in der Malerei. Seine früheste dat. Rad., das 'Bankett der Piacevoli' (V. 43 ist Abk. für De Vesme, 1906, Nr 43) von 1627, widmet B. dem Bruder des Großherzogs, Gian Carlo de' Medici. Ab Sept. 1629 unterstand er dem Schutze Lorenzo de' Medicis, Onkel des Großherzogs Ferdinando II., dem er 1630 das Titelblatt der 'Commentari de Blaise de Montluc' (V. 883) widmete. Im gleichen Jahr fertigte er eine Kopie von Leonardo da Vincis 'Trattato della Pittura' an (Florenz, Bibl. Riccardiana), die er mit rund 50 erläuternden Skizzen zu Zeichentechniken, Perspektive und Lichteffekten illustrierte. 1792 publizierte F.Fontani das Ms. mit akuraten Radierungen. Lt. Fontani kopierte B. das Traktat für sein persönl. Studium. Baldinucci bezeugt B.s reges Interesse an allen Manifestationen des Medici-Hofes: Theater- und Opernaufführungen, Begräbnisfeiern usw. 1628 bat Mattias de'Medici seinen Bruder, den Großherzog, um eine Zchng eines Pferdeballetts von B.s Hand. Mit Ausnahme der 1630 dat. Studie einer 'Versammlung im Freien' (Florenz, Slg Lotteringhi della Stufa) sind jedoch keine Zchngn der Zeit vor 1633 bekannt. Romaufenthalt 1633-37: Spätestens 1633 schickte Lorenzo de'Medici B. mit einem monatl. Stip. von 16 scudi und Logis im Pal. Madama nach Rom, damit er das Malen erlerne. 1633 kommt der poln. Botschafter Jerzy Ossolinski in Rom an, um beim Papst die Obedienzleistung zu erbringen. B. radierte den 'Einzug der polnischen Gesandtschaft' mit einer Widmung an seinen florentin. Gönner auf sechs zu einem Fries aneinandergereihten Platten (eine 174 cm lange Gesamtstudie des prunkvollen Zugs im Louvre). Die zahlr. erh. Zchngn der röm. Schaffensphase geben Rechenschaft über B.s Tätigkeit. Nach dem Vorbild unzähliger nord. Künstler der Bril- und Elsheimer-Nachfolge sowie der Gruppe der sog. Bamboccianti zeichnete er Ansichten Roms, Tivolis, der röm. Campagna, Ruinen und Straßenszenen. Unter dem Eindruck der verschiedensten Stilrichtungen, die aus den Niederlanden, Frankreich, Bologna und Venedig nach Rom eindrangen, löste sich B. allmählich von seinem an Callot und Cantagallina geschulten manierist. Formenkanon. Die 1634 gestochene Folge der sechs Meeresansichten (V. 810-817) bezeugt den Einfluß Agostino Tassis, der um 1635 im Pal. Doria Pamphilj Fresken von Meereslandschaften im Stile Paul Brils schuf. B. unterbrach seinen Romaufenthalt durch zumindest eine Florenzreise. Im Juni 1634 erhielt er in Florenz von Lorenzo de'Medici den Lohn für ein Gem. des 'Neptun'. Dieses erscheint in dem 1649 erstellten Inv. der Einrichtung von Lorenzos Villa della Petraia (Florenz, Arch. di Stato) zus. mit vier weiteren Gem. B.s: zwei 'Schlachten', die 'Bekehrung des Paulus' und die 'Zerstörung Trojas'. Letzteres identifizierte E.Borea mit dem auf ovaler Schieferplatte gemalten 'Brennenden Troja' (Deposito delle Gall. di Firenze; eine Vor-Zchng des Gem. in den Uffizien). Es scheint, als sei B. nach anfänglichen Stud. der Malerei rasch wieder zur Rad. zurückgekehrt. 1637 erscheint sein Name mit der offiziellen Berufsbezeichnung "intagliatore" (Stecher) unter den am Hofe der Medici beschäftigten Künstlern. Florenz 1637-39: Das Jahr 1637 ist durch die enge Zusammenarbeit B.s mit Giulio Parigis Sohn Alfonso geprägt. Dieser entwarf den Dekor für die Begräbnisfeier des Kaisers Ferdinand II., die B. in drei Platten (V. 75-77) festhielt, und inszenierte das anläßl. der Hochzeit des Großherzogs aufgeführte Melodrama von Giovanni Carlo Coppola 'Le Nozze degli Dei'. In einer Folge von sieben Rad. und einem Titelblatt dokumentierte B. die Aufführung (V. 918-925). 1638 fertigte er mit der 'Karte der Belagerung von Saint-Omer' (V. 878) seine erste topograph. Beschreibung einer militär. Aktion. Parisaufenthalt 1639-50: 1639 schickte der Großherzog eine von Alessandro del Nero angeführte Gesandtschaft zur Überbringung von Glückwünschen zur Geburt Ludwigs XIV. an den frz. Hof. B. schloß sich dem Zug an, nachdem ihm Lorenzo de'Medici die Erlaubnis zur Abreise und die Verlängerung des Stipendiums für den Parisaufenthalt gewährte. B.s finanzielle Schwierigkeiten der Zeit um 1638 sind aus Briefen an seinen Gönner bekannt. Vielleicht war es die Hoffnung auf gewinnbringende Aufträge, die den Künstler veranlaßte, nach Paris zu ziehen. Seine erste Anlaufstelle in Paris war der Verleger François Langlois, den er bereits in Rom kennengelernt haben könnte. Es ist denkbar, daß ein Grund seines Erfolgs bei den Pariser Verlegern seine Befähigung zur Nachahmung von Callots Stil war, der sich bereits vier Jahre nach dessen Tod (1635) allgemein durchgesetzt hatte. In der Tat beauftragte ihn Langlois 1642, Kopien nach Callot zu zeichnen. Die von Faucheux publ. Aufzeichnungen Langlois' bezeugen dessen engen Kontakt mit B. ab 1640. Neben Langlois war Israël Henriet, Callots Pariser Verleger, wichtigster Abnehmer von B.s Platten. Gemeinsam mit Henriets Neffen, Israël Silvestre, der später den Verlag übernahm, radierte B. eine Folge von Architekturansichten (V. 851-876). Ferner läßt sich seine Tätigkeit für den Verleger Pierre I Mariette nachweisen, der bereits 1641 im Besitz von 70 Platten B.s war. Da dessen Sohn, Pierre II Mariette, die Witwe des 1647 verstorbenen Langlois heiratete, kam dieser in den Besitz der für Langlois rad. Platten, die er teilweise erneut auflegte. Dieser Umstand verleitete Jombert und De Vesme zu einigen Verwirrungen in der chronolog. Anordnung von B.s Radierungen. B. radierte die von ihm entworfenen Projekte nicht immer eigenhändig. Claude Goyrand, Nicolas Cochin, François Collignon, Valerio Spada u.a. setzten Zchngn B.s in Rad. um. Ab 1640 genoß B. die Gunst des frz. Hofes. 1641 radierte er im Auftrag Richelieus die 'Ansicht der belagerten Stadt Arras' (V. 880). Im gleichen Jahr entstand die Zchng einer Allegorie zu Ehren Richelieus, die Blunt B. zuschreibt (London, John Gaskin Coll.). Die A. 1641 in Richelieus Theater des Palais-Cardinal aufgeführte Tragikomödie 'Mirame' von Desmarets de Saint-Sorlin dokumentierte B. in sechs Rad. (V. 936-941). Ab 1645 zog ihn Anne d'Autriche zur Aufzeichnung aller Aufführungen des 'Théâtre du Petit Bourbon' heran. Für die dort aufgeführte Oper 'La Finta Pazza' entwarf B. ein Titelblatt (V. 946) und zeichnete die als Zwischenspiel auftretenden Tierballette, die Valerio Spada stach (V. 1117-1135). 1649 beteiligte sich B. an dem von Jean Valdor zu Ehren Ludwig XIII. konzipierten Werk 'Les Triomphes de Louis le Juste XIII' (V. 952-957). Der Ausbruch der Fronde setzte der privilegierten Stellung der ital. Künstler unter der Reg. Mazarins ein rasches Ende. Nachdem sich der Haß auf Mazarin auch gegen B. wendete, kehrte er 1650 nach Florenz zurück. B. unterbrach seinen Parisaufenthalt durch zwei Reisen: Die erste muß ihn bis nach Ägypten geführt haben, wie die Zchngn der Cheops-Pyramide zu Giseh (Windsor) und der Ansicht Kairos (Uffizien) nahelegen. Elf von ihm mit Ortsangaben versehene Skizzen von Küsten und Inseln ermöglichen die Rekonstr. der Reiseroute entlang der ital. Küste durch das ionische und ägäische Meer. Nach F.Viatte und W.Vitzthum birgt die Zchng einer 'Seeschlacht' (Louvre) einen Hinweis auf den Anlaß und Zeitraum der Reise. Es handelt sich um eine Studie der 'Seeschlacht' (V. 1113) vor Rhodos, in der die Galeeren des Malteserordens am 28.Sept. 1644 über die türk. Flotte siegten. Ein Stich T.-J. van Merlens nach einer Zchng B.s stellt den türk. Prinzen Osmino und dessen Mutter dar. Es ist denkbar, daß B. als eine Art Kriegsberichterstatter Frankreichs auftrat, das ab 1645 Truppen gegen die Malta bedrohenden Türken entsandte. 1647 unternahm er eine Hollandreise, in deren Folge die Serie der 'Ansichten von Calais und Amsterdam' (V. 794-801) entstand. Lt. Baldinucci traf er in Holland mit Rembrandt zusammen. Für eine persönl. Begegnung beider Künstler gibt es keinen Beweis, doch spricht der Einfluß Rembrandts aus zahlr. Rad. der Zeit nach 1649 (V. 191-192, 270-280). Durch die Aufzeichnungen Langlois' ist bek., daß dieser bereits 1642 B. vier Stücke Rembrandts und diverse holl. Stiche verkaufte. Unter dem Eindruck Rembrandts lockerte sich E. der vierziger Jahre B.s streng graph. Duktus. Anstelle von beschattenden Parallelschraffen traten maler. Laviseffekte. B. verstand es, die duftigen Lavistöne seiner Zchngn durch flächiges Auftragen von Säure auf die Druckplatte in die Rad. umzusetzen. Die Pariser Zeit stellt seine produktivste Schaffensphase dar. Die rund 100 in diesem Zeitraum geschaffenen Rad.-Folgen lassen sich grob in folgende Themengruppen unterteilen: Relig. Szenen, Capricci (Szenen aus dem Volks- und Soldatenleben), Tierstudien, Jagdszenen, Landschaften, Titelblätter, militär. Aktionen, Theater- und Ballettaufführungen, Ornamentik (Vasen, Kartuschen, Grotesken, Friese) und Kartenspiele. Letztere stellt mit fast 200 Rad. die größte Gruppe dar. Im Auftrag Mazarins illustrierte er nach den Ideen Desmarets de Saint-Sorlin Kartenspiele mit mytholog. Gestalten (V. 489-541), versch. Ländern (V. 542-594), berühmten Herrscherinnen (V. 595-647) und frz. Königen (V. 648-687), die dem jungen Ludwig XIV. zur Belehrung dienen sollten. Eine Sondergruppe stellt die unter dem Namen 'cinq morts' bek. Serie mit Allegorien des Todes dar (V. 87-91), ein Thema, das B. noch öfter in späteren Werken aufgriff. In Paris setzte B. die in Rom erworbene Gepflogenheit der "Freiluft-Zchng" fort. Das Skizzenbuch des Fitzwilliam Mus. in Cambridge, das das Datum 25.März 1640 trägt, enthält 15 Ansichten von Paris und Umgebung. - Der wohl leidenschaftlichste zeitgen. Sammler von B.s Zeichnungen war Louis Treslon-Cauchon, gen. Hesselin (+1662). Aus seinem Besitz stammt die mit 54 aquarellierten Zchngn ill. 'Abhandlung über Feuerwerk' (1649-1650, Paris, Bibl. Nat.), die B.s Vertrautheit mit den pyrotechn. Problemen der Herstellung von Feuerwerkskörpern verrät. Hesselin besaß ferner ein Album mit 275 Theater- und Ballettfiguren B.s, das vermutl. 1720 in der Slg des Kunsttischlers André-Charles Boulle verbrannte. Florenz 1650-64: In Florenz trat B. in den Dienst Mattias de' Medicis und unterrichtete den jungen Cosimo III. im Zeichnen. Zw. 1650 und 1654 zeichnete er das Titelblatt sowie einige Vignetten der von Gian Carlo de' Medici der Königin Christine von Schweden überreichten Anthologie toskan. Gedichte (Wien, Nat.-Bibl.). Die Aufnahme B.s in den florentin. Literatenkreis der Accad. degli Apasti (d.h. "Spassionati": die Unparteiischen) markiert den Höhepunkt seiner Karriere. 1652 errichtete die Accad. degli Immobili mit der finanziellen Unterstützung des Kardinals Giovanni Carlo de'Medici das berühmte Teatro della Pergola. Dort fanden 1657 und 1658 drei Opern nach den Libretti von Giovanni Andrea Moniglia statt: 'Il Podestà di Colognola, Il Pazzo per Forza' und 'Hypermestra'. Das Brit.Mus. besitzt 59 Kostümentwürfe B.s, die sich größtenteils durch kurze Aufschriften des Künstlers mit bestimmten Rollen der erwähnten Opern identifizieren lassen. Für die Vorbereitungsphase der Oper 'Hypermestra' ist bekannt, daß B. die Kostümentwürfe nach Vorstellungen der Akademiemitglieder anfertigte, die selbst in den Aufführungen mitspielten und -tanzten. Die von P.D. Massar publ. Briefe B.s an Pierre II Mariette und François Collignon von 1656/57 zeigen, daß er mit seinen Pariser Verlegern und Freunden in Kontakt blieb und ihnen Rad. zuschickte (De Vesme-Massar, App. II). Collignon, der sich A. der 50er Jahre in Italien aufhielt, erwarb dort von B. dessen in Paris geschaffene Platte der Ansicht der 'Pont-Neuf' (V. 850), die er von Rom aus an die Witwe Langlois' schickte. Die wichtigsten Radierfolgen aus B.s letzter Schaffensphase sind 'La Gara delle Stagioni' (V. 51-64), die das 1652 zu Ehren österr. Erzherzöge in Modena veranstaltete Carrousel illustriert, die 'Sechs Ansichten der Villa Pratolino', 1652 (V. 838-843), die 'Ansichten des Hafens von Livorno', 1656 (V. 844-849) und 'Sechs Ansichten Roms und der römischen Campagna' (V. 832-837). 1661 fanden in Florenz prunkvolle Aufführungen anläßl. der Vermählung Cosimos III. mit Marguerite Louis d'Orléans statt. Drei Rad. B.s (V. 70-72) illustrieren das Werk Moniglias 'Il Mondo Festeggiante', das die Festlichkeiten dokumentiert. - Ein eigentümliches Genre B.s später Florenzzeit stellen die Briefe mit Bilderrätseln dar (Berlin, Kpst.-Kab.; Paris, Bibl.Nat.), die er vermutl. zur Unterhaltung der Medici entwarf. Das kurz vor seinem Tode erstellte Testament zeigt, daß B. zu einigem Wohlstand gekommen und Besitzer mehrerer Häuser war.
Steckbrief
Maler, Zeichner, Kupferstecher, Radierer
18.03.1610 (Florenz)
22.07.1664 (Florenz)
