Hans Baluschek
Biografie
Biogramm: Sohn eines Eisenbahningenieurs. Stud.: 1889-94 HBK Berlin bei Josef Scheurenberg und Woldemar Friedrich. Danach freischaffend in Berlin. 1897 Mitgl. des Künstler-Westclubs und des Ver. Berliner Künstler, seit 1899 der Berliner Sezession (Schriftführer), ab 1913 der Freien Sezession. Um 1900 im künstler. Beirat des Berliner Theaters unter Paul Lindau und Lehrtätigkeit (mit K.Kollwitz) an der Künstlerinnenschule Berlin. 1902 Heirat mit der Schauspielerin Charlotte von Pazatka-Lipinski. 1908 Eröffnung einer priv. Malschule für Frauen. 1913 Scheidung und Ehe mit seiner Schülerin Irene Dröse; 1916,'18 Geburt der Töchter Regine und Renate. 1916/17 im Krieg als Landsturmmann. Seit 1919 Mitgl. der Kunstdeputation in Berlin-Schöneberg, 1920 der Deputation für Kunst und Bildungswesen von Berlin, daneben Lehrtätigkeit an der Volkshochschule Berlin. Als Sozialdemokrat tätig bes. für die Arbeiterbildung (u.a. 1924 Mitgl. des literar. Beirats der SPD-Zs. Der Bücherkreis) sowie für die Verbesserung der Lage der Künstler (u.a. seit 1921 im Vorstand des Reichswirtschaftsverbandes Bild. Künstler; 1926 Initiative zur Gründung der Unterstützungskasse der Berliner Künstler). 1929 Wahl zum Vors. des "Kartells der Vereinigten Verbände Bild. Künstler" und damit Leiter der jährl. Großen Berliner Kunstausstellung. 1933 vom Faschismus diffamiert, Niederlegung aller Ämter. - B. kam bereits in den 90er Jahren unter dem Eindruck naturalist. Literatur und Graphik (bes. M.Klinger) sowie in engem Kontakt zum "Friedrichhagener Kreis" in Berlin als kenntnisreicher Maler des Berliner Volkslebens zu seinem persönl. Stil eines sozialkritischen Realismus, bei dem sich dokumentar. Treue und typisierende Ausdruckskraft miteinander verbinden. Vorrangig in einer eigens dafür entwickelten, zeichner. harten und farbig gebrochenen Mischtechnik (Aqu./Pastell, auch Tempera/Ölkreide) schilderte er phrasenlos, teilweise ironisch verfremdet, mit sinnbildlichen Anspielungen, aber auch mit Sentiment und Poesie zeitlebens typ. Seiten des Lebens der Kleinbürger, Proletarier und Deklassierten spezifisch Berliner Prägung. Neben drastischen Darst. des Elends von Vagabunden, Dirnen, Alkoholikern usw. spielen bes. Motive der Desillusionierung der zweifelhaften Vergnügungen des kleinen Mannes auf Rummelplätzen und Kneipen, die Tristesse der Erholungssuche in kärglicher Natur sowie die Vermassung und Fesselung der Menschen an Vorstadt- und Industriemilieu eine Rolle. Parallel dazu, wenngleich im Umfang bescheidener, wurde die Technik, v.a. die Eisenbahn, in einer sachlich-romantisierenden Auffassung B.s zweiter - von der Öffentlichkeit bald anerkannter - Themenkreis. Um die Jahrhundertwende begann er sich unter dem Einfluß des Jugendstils mit Buchschmuck und Ill. (zahlr. 1898/99 in der Zs. Das Narrenschiff) sowie sporad. mit Bühnenentwürfen (u.a. für das Theater des Westens) zu befassen. Den Höhepunkt seines offiziell als "Rinnsteinkunst" (Wilhelm II.) diskreditierten sozialkrit. Werkes der Vorkriegszeit stellt der Zyklus 'Opfer' (12 großformatige Kohlezchngn, 1905/06) dar. Danach treten mehr stimmungsbetonte Darst. des Berliner Volkslebens und der Technik, seit 1910/11 vermehrt auch als Ill. (z.B. für 'Berliner Kalender', 1910; zu 'Irma Stippekohl' von A.Streit, 1911, beides Feder) in den Vordergrund. Während des 1. Weltkrieges zahlr. Ill. und Arbeiten mit wachsender pazifist. Tendenz (z.B. Mappe 'Der Krieg 1914-16', B. 1915). In der Weimarer Republik kam es unter dem Eindruck von Nachkriegselend und verschärften Widersprüchen zu einer entschiedenen Wiederbelebung der sozialen Thematik. Erweitert durch Motive wie Kriegsopfer, Entwurzelung, Arbeitslosigkeit, Streik, Klassenkampf usw., stellt sie B. in gewohnter Weise nicht nur in der Malerei, sondern seit 1920 auch in zahlr. Lith. (z.B. Zyklus 'Volk I-III', 37 Bll., 1925-27) und Ill. in der sozialdemokrat. Presse (v.a. Der wahre Jakob, Lachen Links) dar. Außerdem setzt sich auch im Alterswerk die Poetisierung von Eisenbahn und Industrie fort (1935 letzter Ill.-Auftrag zur Festschr. '100 Jahre dt. Eisenbahnen'). Einen neuen Schaffenszweig bildet die Jugendbuch-Ill., die 1919 mit den außerordentl. erfolgreichen Märchenill. 'Peterchens Mondfahrt' von G. von Bassewitz sehr phantasievoll beginnen, dann jedoch rasch zum Naturalistischen tendieren. Zw. 1927 und 1931 schuf B. in öffentl. Auftrag eine Reihe Altberliner Veduten in Öl (z.B. 'Altberlin-Jungfernbrücke', 1927; 'Der Molkenmarkt', 1929, beide Märk. Mus. Berlin). B.s einzige Wandmalereien mit hist. und legendären Berliner Motiven im Weinkeller Lutter & Wegner, 1927, sind nach teilweiser Kriegszerstörung 1958 zugeschüttet worden. Seine 1913 und 1920 publ. Novellenbände "Spreeluft" und "Enthüllte Seelen" entstanden aus der erklärten Absicht, das in seiner Malerei nicht mehr Ausdrückbare in Worten zu sagen. - B. gehört neben Käthe Kollwitz und Heinrich Zille zu den bedeutendsten sozial engagierten Berliner Realisten des beginnenden 20.Jh. Mit seiner umfassenden, sozialpsychologisch eindringlichen Chronik des Volkslebens und der Atmosphäre Berlins ist er als Maler ohne Konkurrenz. Unbeirrt von allen mod. Kunstströmungen wie Angriffen wegen der "Tendenz" seiner Kunst von rechts und links prägte er eine unverwechselbare realist. Eigenart, die von einer humanist. Position aus den sentimentalen Naturalismus des 19.Jh. überwand, ohne in den agitatorischen Verismus der 20er Jahre überzugehen. Noch Jahrzehnte nach seinem Tode umstritten und v.a. von ideolog. Positionen aus bewertet, ist erst in jüngster Zeit auch die künstler. Relevanz B.s erkannt worden.
Kunstrichtungen
Steckbrief
Maler, Grafiker, Kostümbildner, Illustrator, Schriftsteller
09.05.1870 (Breslau)
28.09.1935 (Berlin)



